← Zur Blog-Übersicht

Momentum – zwischen Seil und Auslöser

Bei meiner Shibari-Fotografie entstehen die Bilder ausschließlich aus meinen eigenen Fesselungen. Ich stehe also nicht daneben und beobachte eine Session zwischen zwei anderen Menschen. Ich bin selbst derjenige, der das Seil führt, die Fesselung aufbaut und gleichzeitig darüber nachdenkt, wie daraus ein Bild entstehen kann.

Das verändert für mich die Fotografie grundlegend. Während ich fessele, beschäftige ich mich nicht nur mit Placement, Spannung und meinem Model, sondern habe gleichzeitig Linien, Licht, Perspektive und Bildwirkung im Kopf. Oft existiert bereits eine Vorstellung davon, wohin sich eine Fesselung entwickeln soll. Trotzdem entsteht das endgültige Bild nicht zwangsläufig dort, wo ich es vorher erwartet habe.

Denn eine Fesselung verändert sich. Mit jeder neuen Wicklung verändern sich Linien und Formen, die Haltung meines Models und die Wirkung des Körpers im Raum. Manchmal ist eine Fesselung technisch noch gar nicht abgeschlossen und genau in diesem Zwischenzustand entsteht für mich das stärkste Bild.

Der richtige Moment bedeutet deshalb auch, aufhören zu können. Ich muss nicht zwangsläufig erst ein vollständiges Pattern fertigstellen, bevor ich zur Kamera greife. Wenn ich während des Fesselns sehe, dass gerade etwas entsteht, das mich fotografisch anspricht, kann genau das der Moment sein, an dem ich das Seil für einen Augenblick aus der Hand lege und die Kamera nehme.

Genauso gehört aber auch dazu, dass diese Momente manchmal überhaupt nicht entstehen. Nicht jede Idee funktioniert so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Eine Fesselung wirkt am Körper anders als in meinem Kopf, eine Perspektive funktioniert nicht, das Licht passt nicht oder das Zusammenspiel aus Körper, Seil und Komposition ergibt einfach nicht das Bild, das ich eigentlich erreichen wollte.

Fehlversuche gehören für mich deshalb genauso zur Shibari-Fotografie wie die Bilder, die am Ende funktionieren. Hinter einem einzelnen Foto steckt häufig deutlich mehr Arbeit, als das fertige Ergebnis vermuten lässt. Eine Idee muss entwickelt, Licht gesetzt, eine Fesselung aufgebaut und immer wieder überprüft werden. Manchmal wird etwas verändert, wieder gelöst oder vollständig neu begonnen. Und manchmal steht am Ende einer solchen Arbeit trotzdem kein Bild, das ich zeigen möchte.

Dabei hilft mir, dass Fesseln und Fotografieren für mich nicht getrennt voneinander stattfinden. Ich kenne die Fesselung, weil ich sie selbst aufgebaut habe. Ich weiß, wo Spannung entsteht, welche Linien ich bewusst gesetzt habe und welche Bereiche meines Models ich hervorheben möchte. Dadurch kann ich meine fotografische Perspektive bereits während des Fesselns mitdenken.

Trotzdem steht das Foto für mich nicht über der Session. Eine Position wird nicht dadurch sinnvoll, dass sie auf einem Bild besonders gut aussieht. Mein Model bleibt der entscheidende Faktor. Wenn eine Haltung nicht funktioniert, eine Belastung zu groß wird oder eine Veränderung notwendig ist, verliert das geplante Foto seine Bedeutung.

Vielleicht liegt genau darin für mich die eigentliche Herausforderung der Shibari-Fotografie: Ein gutes Bild passiert nicht einfach nebenbei. Es ist das Ergebnis aus Idee, Vorbereitung, Fesselung, Licht, Erfahrung und manchmal auch mehreren Fehlversuchen. Gleichzeitig muss ich offen genug bleiben, um den Moment zu erkennen, in dem Seil, Körper, Licht und Emotion plötzlich zusammenfinden.

Und manchmal liegt dieser Moment nicht am Ende einer Fesselung, sondern irgendwo mittendrin.

Wie ist es bei dir?

Wie viel von einem guten Bild ist für dich Planung – und wie viel entsteht erst im Moment? Und wie gehst du damit um, wenn eine Idee am Ende einfach nicht funktioniert?

Teile deine Gedanken und Erfahrungen gerne in den Kommentaren.

Kommentare

Noch keine veröffentlichten Kommentare. Teile gern deine Gedanken.

Kommentare werden erst nach persönlicher Prüfung veröffentlicht.