„Ich fange an zu weinen, wenn ich das sehe!“
Über Körperbilder, Erwartungen und die Wirkung unserer Fotografien
Manchmal sind es einzelne Gespräche, die uns dazu bringen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Gespräche, die nachwirken und Fragen aufwerfen, mit denen wir uns zuvor vielleicht nur wenig beschäftigt haben. Die Überschrift dieses Beitrags stammt aus einem solchen Gespräch, aus einer Begegnung, die mich nachdenklich gemacht und dazu bewegt hat, mich intensiver mit meiner eigenen fotografischen Arbeit und den Bildern auseinanderzusetzen, denen wir täglich in den sozialen Netzwerken begegnen.
Social Media hat unsere Wahrnehmung in vielerlei Hinsicht verändert. Die Bilder, die wir sehen, beeinflussen unsere Vorstellungen von Schönheit, Ästhetik und Perfektion. Sie prägen, wie wir andere Menschen betrachten, aber auch, welche Erwartungen wir an uns selbst stellen. Ich gehöre noch zu einer Generation, die weitgehend ohne soziale Netzwerke aufgewachsen ist. Dennoch kann auch ich mich ihrem Einfluss nicht vollständig entziehen und habe selbst erlebt, wie sehr die ständige Auseinandersetzung mit den Arbeiten anderer Menschen die eigene Wahrnehmung verändern kann. Wie weitreichend dieser Einfluss sein kann, wurde mir durch ein persönliches Gespräch besonders deutlich.
Eine Begegnung, die mich nachdenklich machte
Ausgangspunkt war die Planung eines Shibari-Fotoshootings, das mir persönlich sehr am Herzen lag. Die Person, um die es dabei geht, werde ich im Folgenden Sarah nennen. Ihren Namen habe ich nach Rücksprache mit ihr geändert.
Sarah ist ein Mensch, dessen Lebensgeschichte von vielen Herausforderungen und Schicksalsschlägen geprägt ist. Einige ihrer Erfahrungen haben mich darüber nachdenken lassen, wie viel ein einzelner Mensch im Laufe seines Lebens bewältigen kann. Eines Tages fragte sie mich etwas zurückhaltend, ob ich mir vorstellen könnte, gemeinsam mit ihr ein Shibari-Fotoshooting umzusetzen. Sie hatte bis dahin keinerlei Erfahrungen mit Shibari gesammelt, war jedoch neugierig und wollte sich gerne darauf einlassen. Meine fotografischen Arbeiten hatten in ihr den Wunsch geweckt, selbst einmal vor meiner Kamera zu stehen.
Da wir uns bereits persönlich kannten, nahm ich ihre Anfrage gerne an. Ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich sie behutsam an Shibari heranführen und eine Fesselung gestalten könnte, die ihren individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen entsprach. Wir blieben weiterhin in Kontakt, während das geplante Shooting zunächst etwas in den Hintergrund rückte, bis mich eines Tages eine unerwartete Nachricht von ihr erreichte.
Ich hatte auf Instagram eine Fotografie veröffentlicht. Kurz darauf erhielt ich eine Sprachnachricht von Sarah. Schon an ihrer Stimme konnte ich hören, wie sehr sie etwas beschäftigte. Sie klang aufgelöst und versuchte hörbar, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie erzählte mir, dass sie anfangen müsse zu weinen, wenn sie meine Bilder sehe – nicht, weil sie von deren Ästhetik berührt war, sondern weil sie Angst vor unserem gemeinsamen Shooting hatte.
Sie sagte: „Ich entspreche nicht diesem Body Type. Das kann gar nicht so gut aussehen!“ Ihre Worte machten mich zunächst sprachlos. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass meine Bilder bei einem Menschen, der sich eigentlich auf eine gemeinsame Erfahrung mit mir einlassen wollte, solche Zweifel auslösen könnten. In unserem weiteren Gespräch versuchte ich zunächst, ihr etwas von diesem Druck zu nehmen. Wir sprachen ausführlich über ihre Gedanken, ihre Unsicherheiten und darüber, welche Erwartungen sie an sich selbst stellte.
Im Laufe dieses Gesprächs sagte sie einen weiteren Satz, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist: „Ich habe über 150 Euro für Diät-Shakes ausgegeben. Es hat nicht geklappt, und jetzt habe ich versagt!“ Vor allem dieses Wort blieb bei mir hängen. Da war ein Mensch, der neugierig auf eine neue Erfahrung war und sich eigentlich darauf freute. Trotzdem hatte sie das Gefühl entwickelt, ihren Körper zunächst verändern zu müssen, um den vermeintlichen Anforderungen meiner fotografischen Arbeit gerecht zu werden. Dabei hatte es solche Anforderungen von meiner Seite niemals gegeben.
Wir konnten in unserem Gespräch vieles aufarbeiten, und auch mit meiner Lehrerin tauschte ich mich über die Situation und meine Gedanken dazu aus. Sarah entschied sich weiterhin für unser gemeinsames Shooting, worüber ich mich sehr freute. Aufgrund weiterer Probleme mussten wir den Termin jedoch zunächst verschieben und schließlich vollständig absagen. Unser Gespräch blieb trotzdem in meinen Gedanken, denn während ich den Eindruck hatte, dass Sarah ihre anfänglichen Sorgen zunehmend einordnen konnte, beschäftigte mich vor allem eine Frage: Welche Wirkung haben die Bilder, die ich veröffentliche, auf Menschen, die sie betrachten?
Aus dieser Frage entstand schließlich dieser Beitrag.
Du bist, was du isst
Diesen Satz verwendete meine Großmutter häufig. Auch wenn er ursprünglich in einem anderen Zusammenhang stand, finde ich, dass sich sein Gedanke auf viele Bereiche unseres Lebens übertragen lässt. Denn nicht nur das, was wir essen, beeinflusst uns. Auch das, womit wir uns täglich beschäftigen, hinterlässt Spuren in unserer Wahrnehmung.
Wir konsumieren Bilder, Videos und Einblicke in das Leben anderer Menschen. Wir begegnen unterschiedlichen Lebensentwürfen, Körperbildern und Vorstellungen von Schönheit. Wir sehen Kunst, Ästhetik und Inszenierungen, die uns inspirieren, faszinieren oder zum Nachdenken bringen können. Darin liegt zunächst eine große Bereicherung. Ich persönlich empfinde es häufig als inspirierend, die Arbeiten anderer Rigger*innen und Models aus unterschiedlichen Ländern zu betrachten. Shibari wird auf so viele verschiedene Arten interpretiert und gelebt, dass sich immer wieder neue Perspektiven eröffnen.
Gleichzeitig liegt darin aber auch eine Schwierigkeit. Irgendwo zwischen Inspiration und Bewunderung kann der Moment entstehen, in dem wir beginnen, uns mit anderen zu vergleichen. Aus dem, was uns ursprünglich begeistert hat, wird plötzlich ein Maßstab. Wir orientieren uns zunehmend an den Arbeiten, Körpern oder Lebensentwürfen anderer Menschen und entwickeln Erwartungen, die mit unserer eigenen Realität vielleicht nur noch wenig gemeinsam haben.
Diese Erfahrung habe ich auch in meiner Fotografie gemacht. Über einen längeren Zeitraum verlor ich zunehmend den Bezug zu meiner ursprünglichen fotografischen Ausdrucksweise. Ich orientierte mich immer stärker an den Arbeiten anderer und daran, was vermeintlich erwartet wurde. Dabei ging etwas verloren, das für mich eigentlich immer im Mittelpunkt gestanden hatte: die Freude daran, meine eigenen Gedanken und Vorstellungen in Bildern auszudrücken. Meine Kreativität wurde zunehmend eingeschränkt, bis irgendwann eine Phase folgte, in der ich kaum noch fotografierte.
Erst mit etwas Abstand wurde mir bewusst, wie weit ich mich von meinem eigenen Verständnis von Fotografie entfernt hatte. Doch wenn solche Vergleiche bereits unsere Kreativität und unseren künstlerischen Ausdruck beeinflussen können, was geschieht dann, wenn nicht unsere Arbeit, sondern unser eigener Körper zum Gegenstand dieser Vergleiche wird?
Zwischen Ästhetik und Erwartung
Körper nehmen in den sozialen Netzwerken einen großen Raum ein. Wir begegnen sorgfältig ausgewählten Fotografien, bewusst inszenierten Posen und Bildern, deren Wirkung durch Licht, Perspektive, Körperhaltung und Bearbeitung geprägt wird. Daran ist zunächst nichts grundsätzlich problematisch. Auch meine eigene Fotografie lebt von bewusster Gestaltung. Licht, Schatten, Linien und Perspektiven sind für mich Werkzeuge, mit denen ich Stimmungen erzeugen und Gedanken sichtbar machen möchte.
Schwierig wird es für mich jedoch dann, wenn aus einer ästhetischen Entscheidung ein vermeintlich allgemeingültiger Maßstab für Schönheit entsteht und Menschen beginnen, ihren eigenen Körper daran zu messen, was sie täglich auf Bildern sehen. Gerade im Zusammenhang mit Shibari empfinde ich diese Entwicklung als besonders widersprüchlich.
Shibari ist für mich weit mehr als die Darstellung eines Körpers in Seilen. Es ist eine Form der Begegnung, die von Vertrauen, Kommunikation und gegenseitiger Aufmerksamkeit lebt. Der Körper ist dabei nicht einfach ein gestalterisches Element, sondern gehört zu einem Menschen mit einer eigenen Geschichte, individuellen Empfindungen, Bedürfnissen und Grenzen. Gerade diese Individualität macht für mich einen wesentlichen Teil der Ästhetik von Shibari aus.
Dennoch begegnen uns auch innerhalb der Shibari-Community immer wieder sehr ähnliche Darstellungen von Körpern, Haltungen und Inszenierungen. Das ist nicht zwangsläufig eine bewusste Entscheidung gegen andere Körperformen. Wiederkehrende Bilder können jedoch den Eindruck vermitteln, dass bestimmte körperliche Voraussetzungen notwendig seien, um Shibari erleben oder ästhetisch darstellen zu können.
Das Gespräch mit Sarah hat mir gezeigt, wie tief solche Vorstellungen reichen können. Ihre Sorge bestand nicht darin, dass ihr Shibari möglicherweise nicht gefallen würde. Sie hatte Angst, mit ihrem Körper den Bildern nicht gerecht werden zu können, die sie zuvor gesehen hatte. Genau dieser Gedanke beschäftigt mich bis heute.
Die Wirklichkeit hinter einer Fotografie
Ein weiterer Aspekt, den ich in diesem Zusammenhang kritisch betrachte, ist die Veränderbarkeit fotografischer Darstellungen. Bildbearbeitung gehört für mich selbstverständlich zur Fotografie. Auch ich nutze sie, um meine Bildsprache zu gestalten, Stimmungen hervorzuheben und den Blick auf bestimmte Elemente zu lenken. Darin sehe ich zunächst keinen Widerspruch zur Authentizität einer fotografischen Arbeit.
Allerdings stellt sich für mich die Frage, wo die Grenze zwischen einer bewussten künstlerischen Gestaltung und der Darstellung einer Wirklichkeit liegt, die in dieser Form niemals existiert hat. Gerade im Shibari ist diese Frage für mich nicht nur aus fotografischer Sicht interessant. Manche Aufnahmen vermitteln den Eindruck, dass komplexe Fesselungen oder bestimmte Körperhaltungen ohne zusätzliche Unterstützung möglich sind.
Tatsächlich werden solche Inszenierungen mitunter durch Hilfsmittel wie Stühle, Kisten, zusätzliche Seile oder unterstützende Personen ermöglicht. Für die fertige Aufnahme werden diese Hilfsmittel dann aus dem Bildausschnitt entfernt oder nachträglich durch Bildbearbeitung unsichtbar gemacht. Ich halte die Verwendung solcher Hilfsmittel nicht grundsätzlich für problematisch. Sie können durchaus Bestandteil eines bewussten künstlerischen Konzepts sein.
Schwierig finde ich es allerdings, wenn dadurch der Eindruck entsteht, eine gezeigte Fesselung sei ausschließlich durch die technischen Fähigkeiten des Riggers oder die körperlichen Voraussetzungen des Models möglich gewesen. Hier verschwimmt für mich die Grenze zwischen künstlerischer Darstellung und vermeintlicher Realität. Menschen mit entsprechender Erfahrung können bestimmte Inszenierungen möglicherweise erkennen und einordnen. Wer sich bisher nur wenig mit Shibari oder Fotografie beschäftigt hat, verfügt jedoch nicht unbedingt über dieses Wissen.
Dadurch können Erwartungen entstehen, die weder den tatsächlichen körperlichen Voraussetzungen noch den technischen Anforderungen einer Fesselung entsprechen. Gerade bei Shibari, wo körperliche Grenzen, individuelle Belastbarkeit und ein verantwortungsvoller Umgang miteinander von zentraler Bedeutung sind, halte ich das für bedenklich. Eine Fotografie zeigt immer nur einen ausgewählten Augenblick. Sie erzählt uns nicht zwangsläufig, wie viel Vorbereitung notwendig war, welche Unterstützung verwendet wurde oder wie sich die Situation für den gefesselten Menschen tatsächlich angefühlt hat. Vielleicht sollten wir uns diese Unvollständigkeit beim Betrachten solcher Bilder häufiger bewusst machen.
Die Verantwortung hinter meinen Bildern
Das Gespräch mit Sarah hat mich dazu gebracht, meine eigene fotografische Arbeit aus einer Perspektive zu betrachten, die zuvor weniger im Mittelpunkt meiner Gedanken gestanden hatte. Ich habe mich lange vor allem damit beschäftigt, welche Emotionen ich durch meine Fotografien ausdrücken möchte, welche Bedeutung Licht und Schatten haben, wie Körper und Seile miteinander wirken und welche Momente ich festhalten möchte.
Weniger bewusst war mir dabei, dass ein und dieselbe Fotografie bei unterschiedlichen Menschen vollkommen unterschiedliche Empfindungen auslösen kann. Während ich in einem Bild vielleicht Nähe, Vertrauen oder Verletzlichkeit sehe, erkennt ein anderer Mensch möglicherweise einen Körper, dem er selbst nicht zu entsprechen glaubt, oder eine vermeintliche Anforderung, der er nicht gerecht werden kann.
Diese Erkenntnis hat mich beschäftigt. Denn ich wollte mit meiner Arbeit niemals eine Vorstellung davon vermitteln, wie ein Mensch aussehen müsste, um Shibari erleben zu dürfen. Vielmehr möchte ich zeigen, wie Licht, Schatten, Körper und Seil miteinander in Beziehung treten können und wie aus Nähe, Spannung und Ruhe eine besondere Ästhetik entstehen kann.
Die Linien des Seils, die Spannung und die Struktur einer Fesselung bilden dabei eine eigene visuelle Sprache. Ihre eigentliche Bedeutung entsteht für mich jedoch erst durch den Menschen, der sich darin befindet: durch seine Persönlichkeit, seine Empfindungen und die Bereitschaft, sich auf eine gemeinsame Erfahrung einzulassen. Nicht alles davon lässt sich fotografisch festhalten. Manche Momente bleiben ausschließlich zwischen den beteiligten Menschen bestehen, und manche Empfindungen lassen sich weder sichtbar machen noch in Worte fassen.
Meine Aufgabe als Rigger und Fotograf sehe ich deshalb nicht darin, einen Menschen möglichst nah an eine bereits vorhandene Bildvorstellung heranzuführen. Ich möchte vielmehr gemeinsam mit meinem Gegenüber einen Raum schaffen, in dem eine individuelle Erfahrung entstehen kann – einen Raum, der von Vertrauen, Kommunikation, Respekt und einem bewussten Umgang mit persönlichen Grenzen getragen wird.
Die Fotografie kann einen Augenblick dieser Begegnung festhalten. Sie kann etwas sichtbar machen, das uns berührt, zum Nachdenken bringt oder einen neuen Blick auf einen Menschen eröffnet. Aber sie sollte niemals zum Maßstab dafür werden, wie ein Körper auszusehen hat – und schon gar nicht dafür, welchen Wert ein Mensch besitzt.
Wie erlebst du den Einfluss von Bildern?
Welche Wirkung haben Bilder auf deine eigene Wahrnehmung – und welche Verantwortung tragen wir, wenn wir sie veröffentlichen?
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