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Wenn Vertrauen Führung braucht

Shibari lebt für mich von einem besonderen Zusammenspiel: Mein Model gibt einen Teil seiner Kontrolle an mich ab und ich bin bereit, die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen. Beides gehört für mich unmittelbar zusammen. Ich kann nur dann erwarten, dass mir Kontrolle überlassen wird, wenn ich bereit bin, mit diesem Vertrauen bewusst und verantwortungsvoll umzugehen.

Dabei bedeutet Kontrolle abzugeben für mich nicht, dass mein Model vollkommen passiv wird. Es behält seine Grenzen, seine Wahrnehmung und jederzeit das Recht, eine Situation zu verändern oder zu beenden. Was es mir überlässt, ist vielmehr ein Teil der unmittelbaren Kontrolle darüber, was als Nächstes geschieht. Genau darin kann für mich ein besonderer Reiz von Shibari liegen: Mein Model weiß nicht zwangsläufig, welchen nächsten Schritt ich gehen werde, kann sich aber darauf einlassen und mir die Führung überlassen.

Mit dieser Kontrolle wächst gleichzeitig meine Verantwortung. Ich muss aufmerksam bleiben, Reaktionen wahrnehmen und meine Entscheidungen nicht ausschließlich danach treffen, was technisch möglich ist. Nur weil ich etwas tun kann, bedeutet es für mich nicht automatisch, dass ich es in diesem Moment auch tun sollte.

Gerade deshalb ist Kommunikation für mich ein wesentlicher Bestandteil von Shibari. Sie beginnt lange bevor das erste Seil den Körper meines Models berührt. Wünsche, Grenzen und Erwartungen brauchen bereits im Vorfeld einen Raum, in dem sie offen ausgesprochen werden können. Während der Fesselung kommt eine weitere Ebene hinzu. Ich achte auf Körpersprache, Atmung, Spannung, Bewegung und Veränderungen in den Reaktionen meines Models. Diese Wahrnehmungen können unsere verbale Kommunikation ergänzen, sie aber niemals vollständig ersetzen.

Verantwortung bedeutet für mich deshalb auch, mein eigenes Handeln immer wieder zu hinterfragen. Warum möchte ich diese Fesselung machen? Warum erhöhe ich gerade die Intensität? Warum verändere ich eine Position? Mache ich es für die gemeinsame Erfahrung oder stelle ich gerade meine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund? Die Frage nach dem Warum hilft mir dabei, meine Entscheidungen bewusster zu treffen.

Je mehr Kontrolle mir mein Model überlässt, desto bewusster möchte ich damit umgehen. Für mich zeigt sich verantwortungsvolles Fesseln deshalb nicht darin, wie viel Kontrolle ich ausüben kann, sondern darin, wie sorgfältig ich mit der Kontrolle umgehe, die mir freiwillig gegeben wird.

Gleichzeitig bedeutet das für mich nicht, dass sämtliche Verantwortung bei mir liegt. Ich kann aufmerksam beobachten, Körpersprache lesen, nachfragen und Veränderungen wahrnehmen, aber ich kann nicht in mein Model hineinsehen. Deshalb brauche ich auch seine Rückmeldung. Mein Model trägt weiterhin Verantwortung für die eigenen Grenzen und dafür, Veränderungen oder Probleme zu kommunizieren, insbesondere dann, wenn ich sie von außen nicht erkennen kann.

Für mich liegt genau darin ein wichtiger Teil dieses Zusammenspiels: Mein Model kann mir Kontrolle überlassen, aber Verantwortung tragen wir beide.

Wie empfindest du dieses Zusammenspiel?

Was bedeutet es für dich, Kontrolle abzugeben oder zu übernehmen? Und welche Verantwortung tragen für dich Rigger und Model jeweils?

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